schokolade und koffein

Aquarium und Insassen — ein Erfahrungsbericht
Teil 1: Die Vorbereitungen

(22. Februar 2001)

Wie alles begann...

Das Drama begann in der Weihnachtszeit mit der Frage, die sich so viele in dieser Zeit stellen:

Was schenke ich nur dem Liebsten?

Ich für meinen Teil war auf eine heiße Fährte gelangt, die ich beim Weihnachtsbummel immer wieder überprüfte: Ich wußte, daß Frank mal ein Aquarium besessen hatte, und beim Besuch einer Tierhandlung zog es ihn immer wieder zu den Fischen.
Ob er sich wieder ein Aquarium einrichten möchte?
Diese Hypothese überprüfte ich mittels empirischer Feldversuche: Beim Weihnachtsbummel rein in die Zoohandlung mit einem fadenscheinigen "Ich möchte unbedingt Muggelinos (=Meerschweine) gucken!", bei den Nagern einen interessierten Eindruck machen und warten, bis sich der Mann meines Herzens gelangweilt zu den Fischen bewegt. Dann unauffällig hinterher und so nebenbei ausgefragt, was er denn für Fische damals hatte und ob er plane, wieder ein Aquarium zu haben.
Seinen Äußerungen nach zu urteilen, schienen die Chancen gut, daß er dieses Jahr um Bart-Simpson-Socken oder einen frechen Slip herumkommen würde, aber sicherheitshalber fragte ich auch noch bei seiner Schwester nach. Ihre Reaktion war überwältigend, zumal sie mit der Idee "Frank bekommt ein Aquarium" gleichzeitig sich selbst und ihre Eltern aus der Geschenkmisere manövrieren konnte — mein Budget ließ ja kein ganzes Aquarium zu, sondern lediglich einen finanziell begrenzten Gutschein für Fische und Pflanzen. Begeistert erklärte sie sich und ihre Familie für die Teilfinanzierung des Beckens zuständig.

So geschah es also, daß kurz nach Weihnachten die Zeit des Gutschein-Einlösens und des Umbaus begann.

Wer nun denkt, es sei mit einem "Becken-gekauft-hingestellt-Wasser-dazu-Fische-und-Pflanzen-rein-fertig!" getan, der irrt. Frank setzte alle Hebel in Bewegung, sich zu informieren. Zoohändler in Bamberg und in Lummerland, Internet, zentnerweise Fachliteratur und Gespräche mit anderen Aquarianern waren nötig, bis der Entschluß stand: Ein sechseckiges Becken mit 350 Litern sollte es sein, mit Unterschrank, der zusammen mit einem Freund gebaut wurde, gefüllt mit vielen Pflanzen und hauptsächlich kleinen Barschen.
Die leerstehende Wohnung im Haus verwandelte sich zeitweise in eine Schreinerei, die Schwaden von Lackgeruch zogen anmutig durchs Haus, und im Wohnzimmer verteilten sich Schläuche, Filter und Messwerkzeuge. Ich lernte in diesen Wochen so viel wie wohl in meinem ganzen Studium nicht, in meinem Kopf schwirrten Begriffe wie "Wasseraufbereitung", "PH- und Schadstoffwerte", "Maulbrüter", "CO2-Anlage", "Daphnien", "revierbildene Gattungen", "Außenfilter mit Aktivkohle" und andere abstruse Dinge, besonders aber dachte ich an Garnelen. Die hatte ich nämlich im Becken einer Freundin gesehen, und wenn es nur irgend möglich wäre, wollte ich auch zwei von denen im Becken haben und konnte es kaum erwarten, bis alles fertig war.
Entsprechend ungeduldig und aufgeregt war ich auch, als das fertige Becken vom Händler abgeholt wurde.

Der Koloss wurde nebst diverser Schläuche, Filter- und Wasseraufbereitungsmaterialien von den schnaufenden Männern in die Wohnung geschleppt und vorerst im Flur plaziert, weil der Schrank noch nicht fertig war. Da stand er nun, ehrfürchtig von uns betrachtet, und wir versichterten uns immer wieder, daß dieses Aquarium das schönste seiner Art werden würde.
Etwas ärgerlich war natürlich, daß wir noch nichts dran machen konnten, solange der Schrank noch nicht gebaut und das Becken noch nicht an seinem Platz stand. Doch, es gab etwas, was wir tun konnten: Die Fußbodenheizung kann schon verlegt werden!
Tja, so nobel hatten es die Fischlis, und fast wurde ich ein bißchen neidisch auf die Garnelchen, die später immer warme Füße haben würden, während ich mir barfuß im Bad die Zehen erfrieren mußte...

 

Oh nein!!! Sch***!!!

Gespannt sah ich Frank zu, wie die Kabelchen mit Saugnäpfen am Boden befestigt wurden, immer schön eine Reihe hin und wieder eine zurück. Da kam die Frage auf, wo später die große Wurzel liegen sollte. Unter der darf nämlich keine Heizung sein, weil sich sonst ein Hitzestau bilden würde (Ahhh! Wieder was gelernt!). Also experimentierten wir ein bißchen rum: Wurzel nach rechts mit der flachen Seite oben, Wurzel nach links mit dem Stamm nach unten, konnten uns aber nicht so recht einigen. Um vom späteren Wirken ein besseres Bild zu bekommen, legten wir noch ein paar Steine dazu und fanden auch den idealen Platz für die Wurzel.
Fast schon wollten wir uns zufrieden ins Wohnzimmer verziehen, da geschah es:

Frank hatte einen Stein auf der Abdeckung liegen lassen, stieß mit dem Unterarm dran und der Stein fiel ins Becken.

Ich hörte das Geräusch von splitterndem Glas, schrie und war dann so ruhig wie selten in meinem Leben.
Ich weiß nicht, ob der geneigte Leser die Szene von der Damenfußball-WM im Kopf hat, als eine Spielerin der deutschen Mannschaft das spielentscheidende Eigentor geschossen hat.

Ich denke, wir haben uns ähnlich gefühlt.

Verdammt! So viel vorbereitet und getan, ganz kurz davor gewesen, das Becken komplett zu machen, und nun war es kaputt. In meinem Kopf lieferten sich die "Hätte-ich-nur"s, die "Ich-will-die-Zeit-zurückdrehen-können"s und die "Zahlt-das-die-Versicherung?"s ein wildes Rennen, während Frank da pragmatischer war und bereits an einer Idee feilte, wie das Becken mit einer Glasscheibe und Aquariumkitt zu reparieren sei. Ich war skeptisch, schließlich sollte die reparierte Stelle am Boden das Gewicht von über 300 Litern Wasser aushalten. Aber andererseits wünschte ich mir so sehr, daß das Aquarium wieder heile war, und so gab ich — mit einer großen Portion Selbstüberredung — der Reparatur gewisse Chancen.

Zwei Tage später stand der Onkel mit der fast passend zugeschnittenen Glasscheibe vor der Tür, das Teil wurde mit der Trennscheibe traktiert, um das richtige Maß zu erreichen und mit einer ganzen Tube Aquariumkitt auf die kaputte Stelle geklebt.
Ich war ziemlich gespannt, ob die Konstruktion denn dicht bleiben würde und hatte so Bammel davor, daß diese ganze Arbeit umsonst war. Meine Horrorvision war ein gefülltes Becken, mit Fischen, Pflanzen, allem drum und dran, an dessen Außenseite sich klammheimlich Tröpfchen sammelten, als Zeichen der aquarienmäßigen Inkontinenz und Mahnmal einer kleinen, aber folgenreichen Ungeschicklichkeit.

So sah ich dem Füllen des Beckens einigermaßen nervös entgegen und bedachte das Becken in den zwei Tagen, die der Kitt zum Härten brauchte, mit zweifelnden Blicken.

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