Eigentlich backe ich ja sehr gern.
Und eigentlich backe ich auch ganz gut, Mama hat mir alles beigebracht und
mittels genauester Mengenangaben ("Dann nehm halt ein wenig ... na
so in etwa ... weißt schon selber, wieviel!") in die hohe Kunst
der Kuchenherstellung eingewiesen. Bei Mama lernt man aber nur "richtige"
Kuchen zu backen: Solche, wo man alles selber reintun muß und keinen
Karton mit einer Wundertüte hat, zu der man nur noch Fett und Eier
geben muß.
Natürlich gibt es auch bei richtigen Kuchen Pannen, ich erinnere mich
an meinen ersten Bisquit, der statt einer leicht zu rollenden Teigfläche
zu einem statischen Klumpen wurde; oder an meine erste Torte, bei der ich
an der Feinabstimmung zwischen Sahne und Gelatine scheiterte und die Sahne
literweise den Heldentod in der Biotonne sterben mußte.
Aber irgendwie glaube ich doch, bei "Mama-Kuchen" einiges selber
in der Hand zu haben. Ich kann die Menge selbst dosieren und muß nicht
befürchten, daß das fein abgestimmte Gemenge aus Emulgatoren,
Magermilchpulver und Aromastoffen in sich zusammenfällt, wenn ich auf
die Idee komme, noch Zitrone oder einen Schuß Rotwein zuzugeben.
Dementsprechend skeptisch stand ich den Backmischungen gegenüber,
die sich im Haushalt meines Liebsten tummeln. Selbige (es waren anfangs
deren fünf) stehen aber allesamt kurz vor dem Weg jedes Irdischen,
und statt sie unzubereitet in die Mülltonne wandern zu lassen, gibt
es bei uns jetzt jede Woche Kuchen, weil genauso wie die Mischungen auch
meist noch irgendwas anderes gerade "weg muß".
So gilt es derzeit, zum jeweils vor dem Verfall stehenden Kühlschrankinhalt
die passende Backmischung zu finden.
Letzte Woche gab es Donauwogen, weil gerade Sahne über war.
Ich, in der Zubereitung solcher Mischungen noch ungeübt, beobachtete
meinen Freund bei seinem Tun genau. Die Teigherstellung überließ
ich ihm, bedachte seinen Griff zur Diätmargarine mit kritischem "Ich
weiß ja nicht...." (Bei Muttern gibt´s da nur Butter und
nix anderes!), doch beim Verteilen der Kirschmasse praktischerweise wieder
fix und fertig aus dem Beutel konnte ich mich nicht zurückhalten
und rief laut "Ich, ich, ich!!!". Auf der Packung war die Masse
in zwanzig kleinen Häufchen gleichmäßig auf den Boden aufgebracht.
Das konnte ja nun nicht so schwer sein.
Doch schon mein erster Haufen geriet durch zu großem Druck bei einen Kirschenstau in der Beutelöffnung etwas groß. "Dann eben sechzehn Häufchen", dachte ich mir, schließlich ist sechzehn auch eine schöne Zahl. Mit sechzehn Häufchen hatte ich aber durch zu klein gewählte Häufchengröße noch Kirschmasse im Beutel über. Diese nun wiederum gleichmäßig auf die vorhandenen Häufchen zu träufeln, mißriet bei Häufchen Nummer zehn war Schluß. Auch ein Ausgleichsversuch mit Teelöffel scheiterte und ich wandte mich kirschmasseschlabbernd von der Theorie der gleich großen Häufchen ab mit dem Argument "Kommt ja eh Sahne druff, sieht keiner!"
Der Kuchen war trotz ungleicher Kirschmasse gelungen, und Sahne auf der Oberfläche glattstreichen und Kakao drüberstreuen konnte sogar ich als Backmischungsneuling.
Nach diesem unerwarteten Erfolg stand ich Backmischungen nicht mehr ganz so kritisch gegenüber und versuchte mich diese Woche ganz allein an Maulwurfskuchen denn diesmal mußten Bananen weg.
Backmischung für Boden, Fett, Eier, Milch verrühren und ab in
die gefettete Springform das geht klar, ist zu schaffen. Ab in den Ofen,
nach einer halben Stunde wieder raus und abkühlen lassen; auch das
ist bekannt und nicht unlösbar.
Nun sollte ich aber den ausgekühlten Boden mit Hilfe eines Eßlöffels
einen halben Zentimeter aushöhlen, einen Rand stehen lassen und die
Gebäckkrümel in einer Schüssel GROB (das war fett geschrieben)
zerbröseln.
Hmmm ...
seltsamerweise kamen mir aber bereits beim Auslöffeln lauter winzigkleine
Krümel entgegen, die sich sicher nicht wieder zu großen Krümeln
zusammenkleben lassen.
Egal, vor uns steht erst noch die Füllung; dem Gebrösel, das mittlerweile
den halben Küchentisch bedeckte, würde ich mich später annehmen.
Bananen schälen, längs halbieren und auf den ausgehöhlten Boden legen. Klingt machbar, nur ganz so gleichmäßig wie auf dem Bild bekomme ich das nicht hin. Da ich aber schon bei der Donauwogen-Aktion gelernt hab, daß nicht alles wie auf dem Bild aussehen muß, um gut zu schmecken, ignorierte ich das und verteilte meine Bananen wild auf dem Teigbett denn auch da kommt ja dann wieder Sahne drauf und keiner siehts.
Sahne ... glatte drei Becher sollten da rein, und ich dankte meinem Schöpfer,
daß ich weder in Kopfrechnen noch in Nährwertkunde allzu fit
bin, sonst wäre ich wohl beim Errechnen der Kalorien tot umgefallen.
Die Sahne sollte ich schlagen. Das ist schaffbar, nur bedachte ich nicht,
daß ein halber Liter Sahne in der Rührschüssel mehr schwappt
als ein viertel Liter, und beim ersten Fauchen des Rührgeräts
hatten Herd, Kaffeemaschine und Shirt (natürlich alles schwarz) weiße
Punkte. Egal, dachte ich mir, man muß Opfer bringen, und ich schwor
mir, während ich zum Lappen griff, daß eine Rührschüssel
mit Abdeckung die nächste Anschaffung in diesem Haushalt sein würde.
Ein Beutelchen hatte die Aufschrift "Mischung für den Belag" und sollte mit 100 ml Wasser verrührt werden. Der Inhalt roch süß, chemisch, bananig und bestand wohl zu je halben Teilen aus Aromastoffen und Zucker. Dies nun mit Sahne vermischt, Schokoflocken dazu und damit die wirr liegenden Bananen zugedeckt. Ein halber Liter Sahne war entschieden zuviel, und trotz ständigen Naschens an der Sahne hatte mein Maulwurfshügel eine beachtliche Höhe erreicht, der in mir Gedanken an Gen-Maulwürfe mit Megaschaufeln weckte.
"Leckere Kuchen von fleißigen Maulwürfen", das wäre doch ein gutes Pendant zu "Gute Milch von glücklichen Kühen". Doch ich bin hier nicht Werbetexter, sondern soll meinem Kuchen auch noch das erdgleiche Antlitz verpassen. Das sollte mit den Bröseln aus der Mitte des Teigs geschehen, von denen ich tatsächlich nicht alle auf dem Küchentisch liegen hatte, sondern auch noch ein paar in der dafür vorgesehenen Schüssel.
"Sahnekuppel mit Gebäckbröseln bestreuen (evtl. etwas andrücken)", verriet mir die Verpackung. Daß das der subtilste Euphemismus der nördlichen Hemisphäre war, merkte ich, als ich die ersten Brösel auf meine Sahnekuppel (tolles Wort übrigens) streute. Die wollten nämlich da nicht liegenbleiben, sondern machten es sich auf dem Tisch gemütlich. Noch hatte ich genug Streumaterial in meiner Schüssel, doch als diese leer und der Kuchen immer noch halb sahneweiß war, wußte ich, daß nun der absolute Traumjob auf mich wartete.
Ich verabschiedete mich schon mal von der Illusion, daß Staubsaugen erst in drei Tagen nötig ist und klaubte mir eine handvoll Brösel vom Tisch. Sachte drückte ich die gegen die Sahnekuppel.
Aha, das half.
Aber wie schon erwähnt, hatte ich eine große Sahnekuppel, und so wiederholte sich dieses Spielchen noch mehrmals. Der Kuchen auf dem Karton wies eine vollständig mit Krümeln bedeckte Oberfläche vor, aus der kein Weiß mehr schimmerte. Mich packte der Ehrgeiz und zwang mich dazu, eine satte Viertelstunde mit Krümelpfoten an der Sahnekuppel rumzupatschen.
Gibt es eine ähnlich blöde Arbeit?!
Assoziationen zum Psychologieunterricht tauchten bei mir auf, und ich überlegte mir, was wohl der Backmischungshersteller sagen würde, wenn ich ihm mitteilen würde, daß mit Hilfe seiner Produkte ein sozial verträgliches Ausleben der analen Phase möglich ist. Vielleicht wäre das sogar ein Ansatz für eine neue Werbestrategie, aber vielleicht würde er mich auch zum Stillscheigen verpflichten und mich zu diesem Zweck mit ein paar Kartons Backmischungen bestechen.
Ich könnte es mal probieren schlecht wäre das nicht, ich wollte nächste Woche sowieso dafür sorgen, daß Mandarinen übrig sind.
Und dann back ich Kilimandscharokuchen.