Bei einer Fahrt im Bus hatte ich neulich die Gelegenheit, ein seltsam anmutendes
Gespräch zu belauschen. Drei Frauen schienen zueinander im Wettbewerb
zu stehen und versuchten, sich gegenseitig zu überbieten.
Der Wettbewerb hieß: "Wer hat in letzter Zeit am wenigsten im
Haushalt getan?"
Mir war diese Art zu prahlen sehr fremd, bin ich doch immer stolz darauf, wenn ich denn einmal sämtliche Fenster geputzt habe das erzähle ich dann auch jedem, der es wissen will oder auch nicht. Aber damit anzugeben, wie wenig man getan hat, das erschien mir doch grotesk, und so hörte ich den Frauen weiter gespannt zu.
Gar Schreckliches mußte ich da erfahren: Die eine hatte seit einer ganzen Woche den Staubsauger nicht angerührt. Die nächste war noch verwegener und putzt generell nur einmal im Monat die Fenster (Huch?! Ich tu das erst, wenn es im Zimmer durch die Staubschichten am Glas merklich dunkler wird...). Und die dritte erst, die trieb es ganz doll und bügelt weder Hand- noch Geschirrtücher.
So langsam gewann ich den Eindruck, daß mit einer nicht täglich
gesaugten Wohnung der Untergang des Abendlandes eingeläutet wird.
Nur warum offenbaren sie sich dann gegenseitig ihre Nachlässigkeiten,
statt vornehm zu schweigen?
Absurderweise sieht es in den Wohnungen dieser Frauen trotz solcher oben
beschriebenen Exzesse des Müßiggangs immer aus, als käme
gleich die Queen zu Besuch sogar die Teppichleisten scheinen frisch
poliert zu sein.
Es geht bei dem Spiel also darum, über eine saubere Heimstatt zu verfügen,
aber gleichzeitig zu betonen, daß man so viel gar nicht dafür
tut; Die Keimfreiheit fliegt gewissermaßen von selbst in die Bude.
Nun weiß ich aber, daß dem nicht so ist. Ein sauberer Raum ist
harte Arbeit, und wenn man nicht in regelmäßigen Abständen
Wollmäuse jagt und Fleckenzwerge ausrottet, sieht es alsbald aus wie
in diesen Wohnungen, bei denen Boulevardmagazine immer die Begriffe "totale
Verwahrlosung" und "Seuchengefahr" verwenden.
Da ich nun nicht Gegenstand einer solchen Reportage werden möchte,
reinige ich Oberflächen ab und an, damit ich dem grausamen Schicksal
einer Staublunge entgehe, und auch der Teppich erhält bei erkennbaren
Farbumschwüngen hin und wieder Kontakt zum Staubsauger. Wenn Besuch
ansteht, räume ich die Aufzeichnungen, schmutzige Teller und benutzte
Taschentücher ordentlich weg, die den gesamten Fußboden bedecken
und versuche auch, zwei bis drei gespülte Geschirrteile parat zu haben.
Theoretisch bin ich der Meinung, daß ein Besucher sich an meine Hygienestandards anpassen muß, wenn er sich bemüßigt fühlt, in meiner Wohnung einige Stunden zu verbringen. Bei Überraschungsbesuchen werde ich mich zwar für das Chaos entschuldigen, weil es der gute Ton verlangt, und ich werde dem Besucher pflichtschuldigst einen Stuhl freiräumen. Aber richtig schämen werde ich mich nicht. Auch werde ich in fremden Wohnungen nicht nach ungeputzten Fenstern Ausschau halten und im Gespräch mit dem Gastgeber denken: "Na, das letzte Staubsaugen ist aber auch schon eine Weile her..."
Mit dieser Einstellung werde ich es wohl niemals zur staubkornjagenden Putzfee schaffen, und eine keimfrei blitzende Wohnung wird mir auf ewig verwehrt bleiben.
Doch es besteht noch Hoffnung.
Als die Mutter meines Liebsten neulich die Wohnung betrat, schämte
ich mich doch ein bißchen für das schmutzige Geschirr im Spülbecken
und schwor mir, am nächsten Tag gleich morgens abzuwaschen.
Was mich aber richtig erschreckte, war der Gedanke beim Blick auf das Nachbarhaus.
Dort erledigte die Nachbarin abends noch ihre Wäsche. Hämisch
und voller Genugtuung bemerkte ich, daß ihre Fenster wohl schon seit
Wochen nicht mehr geputzt wurden.
Ich befürchte, mir steht eine weitgreifende Metamorphose bevor, und sicherheitshalber kauf ich morgen schon mal Scheuerlappen und Putzmittel in rauhen Mengen.