schokolade und koffein

Die kluge Hausfrau

(4. März 2001)

Bei einer Fahrt im Bus hatte ich neulich die Gelegenheit, ein seltsam anmutendes Gespräch zu belauschen. Drei Frauen schienen zueinander im Wettbewerb zu stehen und versuchten, sich gegenseitig zu überbieten.
Der Wettbewerb hieß: "Wer hat in letzter Zeit am wenigsten im Haushalt getan?"

Mir war diese Art zu prahlen sehr fremd, bin ich doch immer stolz darauf, wenn ich denn einmal sämtliche Fenster geputzt habe — das erzähle ich dann auch jedem, der es wissen will oder auch nicht. Aber damit anzugeben, wie wenig man getan hat, das erschien mir doch grotesk, und so hörte ich den Frauen weiter gespannt zu.

Gar Schreckliches mußte ich da erfahren: Die eine hatte seit einer ganzen Woche den Staubsauger nicht angerührt. Die nächste war noch verwegener und putzt generell nur einmal im Monat die Fenster (Huch?! Ich tu das erst, wenn es im Zimmer durch die Staubschichten am Glas merklich dunkler wird...). Und die dritte erst, die trieb es ganz doll und bügelt weder Hand- noch Geschirrtücher.

So langsam gewann ich den Eindruck, daß mit einer nicht täglich gesaugten Wohnung der Untergang des Abendlandes eingeläutet wird.
Nur warum offenbaren sie sich dann gegenseitig ihre Nachlässigkeiten, statt vornehm zu schweigen?
Absurderweise sieht es in den Wohnungen dieser Frauen trotz solcher oben beschriebenen Exzesse des Müßiggangs immer aus, als käme gleich die Queen zu Besuch — sogar die Teppichleisten scheinen frisch poliert zu sein.

Es geht bei dem Spiel also darum, über eine saubere Heimstatt zu verfügen, aber gleichzeitig zu betonen, daß man so viel gar nicht dafür tut; Die Keimfreiheit fliegt gewissermaßen von selbst in die Bude. Nun weiß ich aber, daß dem nicht so ist. Ein sauberer Raum ist harte Arbeit, und wenn man nicht in regelmäßigen Abständen Wollmäuse jagt und Fleckenzwerge ausrottet, sieht es alsbald aus wie in diesen Wohnungen, bei denen Boulevardmagazine immer die Begriffe "totale Verwahrlosung" und "Seuchengefahr" verwenden.
Da ich nun nicht Gegenstand einer solchen Reportage werden möchte, reinige ich Oberflächen ab und an, damit ich dem grausamen Schicksal einer Staublunge entgehe, und auch der Teppich erhält bei erkennbaren Farbumschwüngen hin und wieder Kontakt zum Staubsauger. Wenn Besuch ansteht, räume ich die Aufzeichnungen, schmutzige Teller und benutzte Taschentücher ordentlich weg, die den gesamten Fußboden bedecken und versuche auch, zwei bis drei gespülte Geschirrteile parat zu haben.

Theoretisch bin ich der Meinung, daß ein Besucher sich an meine Hygienestandards anpassen muß, wenn er sich bemüßigt fühlt, in meiner Wohnung einige Stunden zu verbringen. Bei Überraschungsbesuchen werde ich mich zwar für das Chaos entschuldigen, weil es der gute Ton verlangt, und ich werde dem Besucher pflichtschuldigst einen Stuhl freiräumen. Aber richtig schämen werde ich mich nicht. Auch werde ich in fremden Wohnungen nicht nach ungeputzten Fenstern Ausschau halten und im Gespräch mit dem Gastgeber denken: "Na, das letzte Staubsaugen ist aber auch schon eine Weile her..."

Mit dieser Einstellung werde ich es wohl niemals zur staubkornjagenden Putzfee schaffen, und eine keimfrei blitzende Wohnung wird mir auf ewig verwehrt bleiben.

Doch es besteht noch Hoffnung.

Als die Mutter meines Liebsten neulich die Wohnung betrat, schämte ich mich doch ein bißchen für das schmutzige Geschirr im Spülbecken und schwor mir, am nächsten Tag gleich morgens abzuwaschen.
Was mich aber richtig erschreckte, war der Gedanke beim Blick auf das Nachbarhaus. Dort erledigte die Nachbarin abends noch ihre Wäsche. Hämisch und voller Genugtuung bemerkte ich, daß ihre Fenster wohl schon seit Wochen nicht mehr geputzt wurden.

Ich befürchte, mir steht eine weitgreifende Metamorphose bevor, und sicherheitshalber kauf ich morgen schon mal Scheuerlappen und Putzmittel in rauhen Mengen.

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