Achach, wie tragisch... so wunderbar hätte es in unser Bild gepaßt, doch leider hat man uns dieser herrlichen Illusion beraubt:
Drei Skinheads (böse, niederträchtig, gemein und außerdem in der Überzahl) töten (auf heimtückische Weise) im Osten unseres Landes (den sowieso die Skinheads regieren, wie uns die Medienwelt längst beigebracht hat) einen kleinen Jungen (unschuldig, süß und wehrlos).
Eine grausame Vorstellung, daß so etwas passiert, während Menschen außenrum stehen und nichts unternehmen.
Aber noch viel schlimmer als den kleinen Joseph trifft es den vielzitierten
und mißbrauchten Aufstand der Anständigen.
Den Aufstand derer, die am TV sitzen, das vermutliche Grauen und die scheinbare
Ungerechtigkeit konsumieren. Die lassen sich das Bild vom brutalen, rücksichtslosen
Mord nur unter Protest demontieren, denn sie brauchen es:
Es ist praktisch, daß es diese brutalen Schläger gibt und sie allabendlich frisch an den Abendbrottisch geliefert werden. Da stellt sich der anständige Aufständige (oder "aufständige Anständige"?! Egal, es würde am Inhalt der Worthülse sowieso nichts ändern ...) mal kurz auf die Hinterbeine oder noch viel lieber ans Microphon und sagt ganz laut, daß er die Taten der Rechten auf allerschärfste verurteilt und sowas in diesem Land nicht geduldet werden kann.
Fein ... da sind wir ja ein gnadenlos solidarisches Volk! Sind wir nicht alle irgendwie große Helden?! Sowas so offen im heimischen Wohnzimmer gegen die Eiche-Rustikal-Schrankwand zu plärren, da braucht man schon Mut.
Und der schöne Nebeneffekt dieser Heldentat ist, daß man sich das eigene Gewissen ganz wunderbar reinwaschen kann. Täglich einmal die Taten der rechten Schläger verbal verurteilt, einmal am Tag gesagt, daß man sich von diesen distanziert und schon ist man wieder ein guter Mensch. Daher müssen die Medien immer wieder neue Bilder von grausamen Taten bringen, und da kann nicht immer so genau geprüft werden, ob es sich denn auch wirklich um eine Tat von Rechtsradikalen handelt...
Ein Beispiel aus einer Reportage von SpiegelTV, die im wilden Osten die
Spur von Rechtsradikalen nachzuzeichnen versuchte:
Da verbot der Türsteher eines Clubs dem unangemeldet erscheinendem Camerateam
den Zutritt. Für den Sprecher schien es da vollkommen klar zu sein, daß
hier offensichtlich Rechtsradikale zugange waren, denn hier schiene es ja
etwas zu verbergen zu geben.
Ich selbst hatte in der Jugendarbeit damals nie Probleme mit Schlägereien,
Rechtsradikalität oder Ähnlichem und dennoch hätte ich einem Reporterteam
den Zugang verwehrt, wenn sie unangemeldet erschienen wären.
Auf der ewigen Suche nach immer neuen Bildern von den Greueltaten marodierender
rechter Gesinnungsgenossen waren die Reporter über die Geschichte des kleinen
Joseph wohl endlos dankbar:
Nicht nur die perfekte Story mit Mord und Gewalt, sondern auch noch mit
zeitgeistgefälliger, moralisierender Hintergrundthematik, zu der der Aufstand
der Anständigen im Takt den Kopf schüttelt und sich gegenseitig in der Fassungslosigkeit
überbietet: Die Kirche, Verbände, die Politiker aller Parteien allen
voran der Anführer der Anständigen, der der Mutter des kleinen Jungen eine
Audienz gewährt (man ist sich sicher, daß Super-Gerhard das auch getan
hätte, wenn die Mutter nicht im Besitz des SPD-Parteibuchs gewesen
wäre).
Ach, und vor lauter Solidarität, Buh-Rufen und Bedauerungsreden ist uns
ein kleines Detail entgangen:
Nämlich, daß die mutmaßlichen Täter vielleicht doch nicht die Täter sind.
Nun schreit zwar jeder nach der rückhaltlosen Aufklärung und der Wahrheit,
die ans Licht kommen muß ... ...aber eigentlich wäre dem Homo-GegenRechtsIstChic-Erectus
das Bild vom brutalen rechten Schläger und dem armen, wehrlosen Jungen doch
lieber.
Weil er es schon kennt und er es sich eh schon immer irgendwie gedacht hatte.
Doch nun müssen sich die Anständigen von dieser Vorstellung trennen, obwohl sie so schon gepaßt hätte.
Und sie sollten in Zukunft aufpassen, daß sie nicht blind werden und vor lauter trendy-Pseudo-Zivilcourage vergessen, genauer hinzusehen, was denn eigentlich passiert ist.
Menschen, die alles in ein Schema pressen, ohne zu differenzieren und dann ganz schnell Urteile abgeben und damit verurteilen, die gab es hier schon mal.
Das war allerdings auf der anderen Seite.