schokolade und koffein

Ringen um Nationalstolz

02. April 2001

Normalerweise ist es so, daß Politiker reden und reden und doch nichts passiert.

Doch vor ein paar Wochen hat ein Politiker nur ein paar Worte gesagt, und nun steht die ganze Republik Kopf.
Es ist mir prinzipiell egal, wenn ein grüner Minister einen konservativen Politiker anblafft, der dann wiederum beleidigt zurückpöbelt und die Szenerie binnen kürzester Zeit der in einem Sandkasten am Spielplatz ähnelt — mit allem "Wäwäwä!", "Du bist doof!" und "Aber der da hat zuerst..."
Das entlockte mir anfangs ein Schmunzeln und mittlerweile nur noch Kopfschütteln und die Frage, ob die nichts Besseres zu tun haben.

Nun aber hat ich dieses Zähnefletschen und Kettenrasseln doch nachdenklich gemacht.
Es interessiert mich nicht, mit wem unser Außenminister wann wo gefrühstückt hat. Meine Frage ist nicht die, ob Jürgen Trittin jemals begreifen wird, daß die Spontizeiten vorbei und in der großen Politik Statements zumindest ein klein wenig überlegt werden wollen. Auch der Grad der Ähnlichkeit von einzelnen CDU-Politikern mit Gorillas ist mir egal.

Nein, ich stelle mir die ewig deutsche Gretchenfrage:
Wie hältst du es mit dem Nationalstolz? Darf ich, kann ich, soll ich stolz sein, Deutsche zu sein? Muß ich es vielleicht sogar?

Es zu müssen, wäre mir nicht recht.
Ich habe es probiert, und ich bin immer wieder dabei gestolpert: Der Satz geht mir nicht über die Lippen. Selbst dieses "Ich bin stolz auf dich!", das zuhauf aus amerikanischen Filmen herausschwappt, kann ich nicht.
Ich schaffe es nur, auf etwas stolz zu sein, das ich selbst geschaffen oder geschafft habe. Ich bin stolz auf mein Gesellenstück; ich bin stolz, wenn ich mein Diplom geschafft habe; ich bin stolz, wenn ich endlich einmal den seit Langem geplanten Obsttag durchhalte.

Aber mit meiner Nationalität klappt das nicht.

Diese Behelfskonstruktion "Europa", die viele stattdessen wählen und ein flammendes Bekenntnis über ihr Europäertum ablegen, funktioniert bei mir auch nicht. Ich bin auch nicht stolz, Europäerin zu sein. Mit Europa assoziiere ich viel Bürokratie und eine undurchschaubare Gesetzgebung, also nichts, was mein Herz vor Wonne klingen läßt.
Ein wenig kleiner wollte ich es dann versuchen — bin ich stolz, Fränkin zu sein?

Nein, es wird wohl nichts mit Stolz aufgrund von Herkunft. Ich freue mich, daß ich in einem Land lebe, das mich absichert, ich bin glücklich, daß ich nicht verfolgt und gequält werde.
Da hab ich mächtig Schwein gehabt, aber stolz bin ich deshalb nicht.

Auf der anderen Seite stört es mich auch nicht, wenn ich Menschen sagen höre, sie wären stolz auf ihr Land. Auch nicht dann, wenn das Land Deutschland ist. Solange der Sprechende keinen schmalen Oberlippenbart trägt und das "r" in "Deutscher" elend lange rollen lassen, weckt das in mir auch keine bösen Assoziationen zum Dritten Reich.

Ja, ich wünsche sogar, daß einige Menschen auf dieses Land stolz sind. Zumindest die, die Deutschland nach außen hin vertreten, sollten es doch sein: Man stelle ich vor, ein Politiker läßt verlauten, daß er sein Deutschsein eigentlich piepsegal findet und er auf Deutschland nicht stolz sei. Das Ausland würde den Kopf beim Staatsbankett sanft über dem Filet schütteln, und wenn ein amerikanischer Präsident nicht allenthalben irgendwas von "proud of this country" erzählen würde, wäre er wohl seinen Job los.
Im Europaparlament ist es sogar so, daß die Deutschen untereinander französisch sprechen und sich ein Skandinavier für die deutsche Sprache im Parlament einsetzte — die Deutschen akzeptierten das vorgeschlagene Französisch ohne Gegenrede.

Ist das nun falsche Bescheidenheit, Angst vor der Vergangenheit oder das Bestreben, nur nicht auffallen zu wollen? Oder rechnen wir damit, daß man uns des Nazitums bezichtigt, wenn wir uns für die Belange unseres Landes einsetzen; daß man uns Ewiggestrige schimpft, wenn wir stolz auf unser Land und unsere Sprache sind?
Die Engländer haben die Courage, eigentümliche Maßeinheiten gegen alle Trends zur Vereinheitlichung durchzusetzen; die Franzosen spielen größtenteils nur französische Lieder im Radio und stemmen sich gegen Anglizismen (über das auf der zweiten Silbe betonten "Coca" in "Coca Cola" muß ich immer wieder schmunzeln); Amerika bezeichnet sich gar als "God´s own country" — warum nur wollen die Deutschen ihr Land denn nur so gar nicht leiden?

Erstaunlich ist, daß in der jüngeren Generation vor allem die aus dem Ausland zugezogenen Jugendlichen ganz locker sagen können, daß sie stolz sind, Deutsche zu sein. Und es fasziniert mich immer, wenn Schwarzafrikaner und Asiaten die Vorzüge von Deutschland in breitem Kölner oder schwäbischem Dialekt aufzählen. Etwas Ähnliches gibt es auch als Anti-Rassismusprojekt im Netz unter ichbinstolzeindeutscherzusein.de (Tolle URL übrigens).

Vielleicht haben sie die Lockerheit, weil ihnen nicht die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges im Nacken sitzen.
Ich habe sie nicht und werde beim nächsten Urlaub im Nachbarland wieder nur englisch reden, wenn mich meine Niederländischkenntnisse verlassen.

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