Normalerweise ist es so, daß Politiker reden und reden und doch nichts passiert.
Doch vor ein paar Wochen hat ein Politiker nur ein paar Worte gesagt, und
nun steht die ganze Republik Kopf.
Es ist mir prinzipiell egal, wenn ein grüner Minister einen konservativen
Politiker anblafft, der dann wiederum beleidigt zurückpöbelt und
die Szenerie binnen kürzester Zeit der in einem Sandkasten am Spielplatz
ähnelt mit allem "Wäwäwä!", "Du
bist doof!" und "Aber der da hat zuerst..."
Das entlockte mir anfangs ein Schmunzeln und mittlerweile nur noch Kopfschütteln
und die Frage, ob die nichts Besseres zu tun haben.
Nun aber hat ich dieses Zähnefletschen und Kettenrasseln doch nachdenklich
gemacht.
Es interessiert mich nicht, mit wem unser Außenminister wann wo gefrühstückt
hat. Meine Frage ist nicht die, ob Jürgen Trittin jemals begreifen
wird, daß die Spontizeiten vorbei und in der großen Politik
Statements zumindest ein klein wenig überlegt werden wollen. Auch der
Grad der Ähnlichkeit von einzelnen CDU-Politikern mit Gorillas ist
mir egal.
Nein, ich stelle mir die ewig deutsche Gretchenfrage:
Wie hältst du es mit dem Nationalstolz? Darf ich, kann ich, soll ich
stolz sein, Deutsche zu sein? Muß ich es vielleicht sogar?
Es zu müssen, wäre mir nicht recht.
Ich habe es probiert, und ich bin immer wieder dabei gestolpert: Der Satz
geht mir nicht über die Lippen. Selbst dieses "Ich bin stolz
auf dich!", das zuhauf aus amerikanischen Filmen herausschwappt,
kann ich nicht.
Ich schaffe es nur, auf etwas stolz zu sein, das ich selbst geschaffen oder
geschafft habe. Ich bin stolz auf mein Gesellenstück; ich bin stolz,
wenn ich mein Diplom geschafft habe; ich bin stolz, wenn ich endlich einmal
den seit Langem geplanten Obsttag durchhalte.
Aber mit meiner Nationalität klappt das nicht.
Diese Behelfskonstruktion "Europa", die viele stattdessen wählen
und ein flammendes Bekenntnis über ihr Europäertum ablegen, funktioniert
bei mir auch nicht. Ich bin auch nicht stolz, Europäerin zu sein. Mit
Europa assoziiere ich viel Bürokratie und eine undurchschaubare Gesetzgebung,
also nichts, was mein Herz vor Wonne klingen läßt.
Ein wenig kleiner wollte ich es dann versuchen bin ich stolz, Fränkin
zu sein?
Nein, es wird wohl nichts mit Stolz aufgrund von Herkunft. Ich freue mich,
daß ich in einem Land lebe, das mich absichert, ich bin glücklich,
daß ich nicht verfolgt und gequält werde.
Da hab ich mächtig Schwein gehabt, aber stolz bin ich deshalb nicht.
Auf der anderen Seite stört es mich auch nicht, wenn ich Menschen sagen höre, sie wären stolz auf ihr Land. Auch nicht dann, wenn das Land Deutschland ist. Solange der Sprechende keinen schmalen Oberlippenbart trägt und das "r" in "Deutscher" elend lange rollen lassen, weckt das in mir auch keine bösen Assoziationen zum Dritten Reich.
Ja, ich wünsche sogar, daß einige Menschen auf dieses Land stolz
sind. Zumindest die, die Deutschland nach außen hin vertreten, sollten
es doch sein: Man stelle ich vor, ein Politiker läßt verlauten,
daß er sein Deutschsein eigentlich piepsegal findet und er auf Deutschland
nicht stolz sei. Das Ausland würde den Kopf beim Staatsbankett sanft
über dem Filet schütteln, und wenn ein amerikanischer Präsident
nicht allenthalben irgendwas von "proud of this country" erzählen
würde, wäre er wohl seinen Job los.
Im Europaparlament ist es sogar so, daß die Deutschen untereinander
französisch sprechen und sich ein Skandinavier für die deutsche
Sprache im Parlament einsetzte die Deutschen akzeptierten das vorgeschlagene
Französisch ohne Gegenrede.
Ist das nun falsche Bescheidenheit, Angst vor der Vergangenheit oder das
Bestreben, nur nicht auffallen zu wollen? Oder rechnen wir damit, daß
man uns des Nazitums bezichtigt, wenn wir uns für die Belange unseres
Landes einsetzen; daß man uns Ewiggestrige schimpft, wenn wir stolz
auf unser Land und unsere Sprache sind?
Die Engländer haben die Courage, eigentümliche Maßeinheiten
gegen alle Trends zur Vereinheitlichung durchzusetzen; die Franzosen spielen
größtenteils nur französische Lieder im Radio und stemmen
sich gegen Anglizismen (über das auf der zweiten Silbe betonten "Coca"
in "Coca Cola" muß ich immer wieder schmunzeln); Amerika
bezeichnet sich gar als "God´s own country" warum nur
wollen die Deutschen ihr Land denn nur so gar nicht leiden?
Erstaunlich ist, daß in der jüngeren Generation vor allem die aus dem Ausland zugezogenen Jugendlichen ganz locker sagen können, daß sie stolz sind, Deutsche zu sein. Und es fasziniert mich immer, wenn Schwarzafrikaner und Asiaten die Vorzüge von Deutschland in breitem Kölner oder schwäbischem Dialekt aufzählen. Etwas Ähnliches gibt es auch als Anti-Rassismusprojekt im Netz unter ichbinstolzeindeutscherzusein.de (Tolle URL übrigens).
Vielleicht haben sie die Lockerheit, weil ihnen nicht die Geschehnisse
des Zweiten Weltkrieges im Nacken sitzen.
Ich habe sie nicht und werde beim nächsten Urlaub im Nachbarland wieder
nur englisch reden, wenn mich meine Niederländischkenntnisse verlassen.