schokolade und koffein

Nikotin und Schokolade

14. Januar 2000

Ab und zu passiert es einem — bevorzugt nach Ladenschluß und am Wochenende — daß man einfach vergessen hat, genug Zigaretten einzukaufen oder zumindest eine genügend große Menge an Münzgeld bereitzuhalten. Dann muß man bei Wind und Wetter einen halben Kilometer zur nächsten Tankstelle laufen und sich dort mit dem ersehnten Gut eindecken, weil die nette Lebensmittelverkäuferin ja bereits Feierabend hat.

So ging es mir heute.

Nun gebe ich ungern zu, daß ich mich von meiner Nikotinabhängigkeit derart narren lasse, daß sie mich bei widrigsten Wettern zum Kontakt mit der Außenwelt zwingt. Ich beginne stattdessen, andere Gründe für das Verlassen der Wohnung zu ersinnen. Ich hätte ja schon das ganze Wochenende in der Wohnung am Rechner verbracht, da würde mir etwas Frischluft sicher gut bekommen, argumentiere ich vor mir selbst.
Aber die Frischluft da draußen ist verdammt kalt, raunt dann das Engelchen der Ehrlichkeit auf meiner rechten Schulter, erzähl mir bloß nicht, daß Du allein wegen Sauerstoffzufuhr da rausgehst!
Dochdoch, sage ich dem Engelchen frech ins Gesicht, ich werde einen langen Spaziergang machen und mir ein wenig die Beine vertreten, denn ich war ja das ganze Wochenende nur rumgesessen; das wird mir guttun und den maroden Leib stählen. Ich werde laufen und ein wenig nachdenken, vielleicht bekomme ich eine Idee für einen neuen Text.
Das Engelchen glaubt mir endlich und winkt mir freundlich hinterher, während ich die Wohnung verlasse.
Natürlich habe ich vom Engelchen unbemerkt den Geldbeutel eingepackt, und mein Weg führt zwar nicht schnurstracks zur Tanke, sondern ein wenig außenherum, doch schließlich komme ich doch noch zu meinen ersehnten Gauloises.

Aber das Engelchen hatte recht:
Es war verdammt kalt da draußen. Die Sterne leuchten blitzeblank und mir drängen sich Bilder von Frostbeulen, schwarz schwärenden Erfrierungen und abgefrorenen Ohren bzw. Nasen ins Gedächtnis, die ich in Reportagen über sibirische Arbeitslager und Himalaya-Besteigungen gesehen habe. Nicht aufgeben, sage ich mir, als ich meine Oberschenkel fast nicht mehr spüre, Du mußt doch noch Ziga... zig Minuten laufen, um genug Bewegung zu haben.

Die Tankstelle und nach dem gewissensberuhigenden Umweg auch die Wohnung erreicht, phantasiere ich nur noch wirr von dampfenden Tassen voller Kakao mit Sahne und funktionierenden Zentralheizungen.

So schön kann der Winter sein, denn eigentlich mag ich den Winter. Nein, eigentlich mag ich den Winter nicht wirklich, aber er ist an und für sich eine erträgliche Jahreszeit, denn den Sommer finde ich noch schrecklicher. Sommer, das ist die Zeit, in der man ständig neue Methoden der Körpergeruchsbekämpfung ersinnen, sich nachts zwischen Transpiration bei geschlossenem oder Mückenstichen bei offenem Fenster entscheiden und sich in seltsame Kleidung zwängen muß. Denn von meinen geliebten abgeschnittenen Jogginghosen und Schlabbershirts mal abgesehen, gibt es keine taugliche Sommerkleidung, zumindest nicht für mich.

Die Modeindustrie scheint durchwegs Exibitionismus zu verkaufen, da bei sämtlichen Oberteilen die Oberarme schon beinahe ordinär eng umschlossen werden und Assoziationen an unschöne Pellwurst wecken, während über dem Gürtel eine gute handbreit Bauch sichtbar bleibt.
Nun bin ich weder prüde, noch neige ich zu überdeutlichem Übergewicht (die eineinhalb Zentner habe ich noch nicht erreicht) — doch ich entscheide gerne selbst, wem ich meinen nackten Bauch präsentiere und wem nicht. Ich habe weder Piercing noch Tätowierungen, die ich meiner Umwelt entgegenrecken könnte, und ich habe keine angenehmen Empfindungen dabei, wenn meine Oberarme von Kunstfaserschläuchen in unnatürliche Formen gepreßt werden.

Überhaupt — Kunstfasern ...
Daraus scheint ja derzeit alles zu bestehen, was man so "trendy" nennt. Da diese Teile an der Haut so eng anliegen, wie es laut physikalischen Grundsätzen beinahe nicht möglich ist, ohne daß eine Verschmelzung von Substanz A mit Substanz B stattfindet, bekommt man beim Ausziehen gewisse Schwierigkeiten. Hat man es dann tatsächlich geschafft, Arme und Schultergürtel aus diesen unnachgiebigen Zwingen zu befreien, folgt der interessanteste Teil:
Der Kopf muß auch noch raus.
Und hier wird es spannend, da der Stoff die Haare elektrisiert und einem eine Frisur verschafft, die der eines explodierten Handfegers nicht unähnlich ist. Begleitet wird das Entstehen dieser Haarturbulenzen von unheilvollem Knistern. Einmal ist es mir passiert, daß das Oberteil sogar nach dem Ablegen auf dem Regal noch knisterte. Kurz dachte ich im Laden darüber nach, ob meine Versicherung zahlen würde, wenn durch den Funkenflug ein Hausbrand bei mir entstünde.
Ich war mir nicht ganz sicher und sah von der Anschaffung dieses Kleidungsstücks ab.

Ebenso hielt ich Abstand vom Kauf einer Hose, die ich mal versuchte, anzuprobieren. Es war letzten Sommer, als Caprihosen modern waren. Ich mag diese Hosen ja, weil sie die Knöchel wohlfeil belüften, dabei etwas sommerlicher aussehen als meine normalen Jeans und mir auch nicht das Erscheinungsbild eines New Yorker Straßenmädchens verleihen, so wie das HotPants tun würden (es gab bisher noch nicht sehr viele Situationen in meinem Leben, wo ich mir wünschte, einem New Yorker Straßenmädchen ähnlich zu sehen, und ich denke auch, daß das in näherer Zukunft so bleiben wird).
Ein weiterer Vorteil von Caprihosen ist, daß sie die Knie verdecken. Vor allem, daß Caprihosen, die ICH trage, MEINE Knie verdecken. Meine Knie sind nämlich etwas undamenhaft. Mein Vater umschrieb das charmant, indem er meinte, ich hätte allein der Knie wegen einen Anspruch auf einen Platz in der Deutschen Fußballnationalmannschaft.
Da ich meine Umwelt mit derartigem Anblick nicht unbedingt disturbieren möchte, trachtete ich also nach einem Paar dieser gelenkbedeckenden Hosen.

Ich marschierte kaufentschlußgetrieben (dieses Wort ist mein persönlicher Favorit in diesem Text) in eine dieser Billigketten, die ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Oberteilen für schwindsüchtige Teenager und Bauchnabelpiercings-Herzeigerinnen verdienen, und schnappte mir eine Hose in Stretchjeansstoff. Mir erschienen die Größen etwas zu klein geraten, ich entschied mich für Größe 44 statt der üblichen 40 und trapste damit ab in die Kabine, wo das Desaster seinen Lauf nahm:
Am Knie und eine Handbreit darüber paßte die Hose wunderbar. Möglicherweise hätte sie das auch an Po und Oberschenkeln getan, doch ich bekam das gute Stück nicht über die Hüfte.

Anstatt nun aufzugeben und die unseligen Beinkleider mit einem an die Stirn tippenden "Die haben sich wohl in der Größe geirrt!" wieder an die Stange zu hängen, zog und zerrte ich, um das Teil irgendwie nach oben zu bekommen, denn schließlich trug ich sonst ja Größe 40, und da sollten mir doch 2 Größen größer, besonders in Stretch, passen.

Und damit begann das Übel.
Bilder von ersten pubertären gescheiterten Bemühungen, ein Kondom überzustreifen, zogen in mein Bewußtsein. Als ich etwa zwei Drittel der Oberschenkel mit der Hose verdeckt hatte, als ich in der engen Kabine bereits zweimal an den Kleiderhaken gestoßen, dreimal gegen die Wand gerumpelt war und sich deutlich abzeichnete, daß ich dieses Schlachtfeld nicht als Siegerin verlassen würde, kapitulierte ich und versuchte mich aus der Hose zu befreien.

Der Kampf nach außen dauerte noch länger als der in die Hose hinein, ich bemühte mich, nur im Geiste zu fluchen und riet in Gedanken den Verkäuferinnen (die im übrigen so viel Metall am und im Körper trugen, daß ich gespannt wäre, was passieren würde, wenn ich einen Magneten in der Tasche hätte), später nicht auf mich zuzukommen und lächelnd zu fragen "Hat die gepaßt?", weil ich ansonsten für meine Beherrschung und bisher recht gute Erziehung nicht mehr garantieren würde.

Ich sah mich bereits als Inhalt einer Boulevard-Magazin-Reportage zum Thema "Ich kam aus der Hose nicht mehr raus, bis ich endlich nach zwei Tagen von Feuerwehr und Bundesgrenzschutz befreit werden konnte". Mit angstgeweiteten, tränengefüllten Augen und zitternder, tränenertickter Stimme würde ich dem Reporter von meinem Leiden berichten, und unter meinem Bild würde stehen: "Nadine, 24, Konfektionsgröße 40 — Gefangen in der Hose. Es war die Hölle!"
Mit besorgtem Timbre in der Stimme würde die Moderatorin den schockierenden Bericht mit den Worten schließen: "Noch immer befindet sich die Betroffene in psychotherapeutischer Behandlung und kann nach diesem traumatischen Erlebnis keiner geregelten Arbeit nachgehen."

Die Familienministerin würde sich einschalten und sich gegen enge Kleidung einsetzen; Sie würde bei der Justizministerin anklopfen, die flugs ein Gesetz macht, welches bestimmt, daß Oberbekleidung mindestens einen Zentimeter Abstand zum Körper haben und den Bauch deutlich bedecken muß. Aufgrund dieser Bestimmung würden sich zum ersten Mal auch Frauenverbände wohlwollend über die Regierung äußern, Eiscreme- und Burgerketten würden den Prozentsatz der Frauen unter ihren Kunden mindestens verdoppeln, orsay, pimkie und Bauchnabelpiercer gingen pleite, die Mode-für-Mollige-Ketten erführen einen bislang noch nie dagewesenen Boom, Bier-Chips-Schokolade würde als Hauptmahlzeit anerkannt, Kate Moss hätte in Deutschland Einreiseverbot und die Republik wäre voll mit übergewichtigen, glücklichen Frauen.

Doch so weit kam es nicht.

Nach der Wiedererlangung meiner Freiheit fühlte ich mich in meinen schlabberigen Jeans kuschelig und geborgen wie in den Armen des Liebsten, warf die Hose zurück ins Regal und stürmte an 40-Kilo-Jugendlichen vorbei aus dem Laden heraus.

Zurück blieb das dumpfe, nagende Gefühl, nicht in eine Hose Größe 44 gepaßt zu haben und der unerfüllte Traum von einer besseren Welt.

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