schokolade und koffein

Der Rosenkaufwunsch

18. März 2001

Eines Abends in der Kneipe kam ich mit meinem Liebsten zum allerersten Mal in die Situation, wo sich die Spreu vom Weizen trennt.

Nein, es geht jetzt nicht um die Geschichte "Gibt er mir den Cocktail für 20 Märker aus, ohne eine Miene zu verziehen, oder fragt er mich, ob ein Alt auch ok wäre". Ob er der vorbeilaufenden Blondine im Minirock nun hinterherguckt oder nicht, spielte auch keine Rolle. Sondern es ging um die Sache mit den Rosenverkäufern, die den männlichen Part eines frischverliebten Pärchens nötigen wollen, der jeweiligen Dame des Herzens so ein Blümchen zu spendieren. Als dieser Verkäufer auftauchte, ergriff mich die blanke Panik und ich betete, daß er uns nicht in die bekannten und dennoch immer wieder peinlichen Situationen bringen würde.
Genaugenommen ergeben sich aus der Ausgangslage "Pärchen sitzt da und Rosenverkäufer kommt an den Tisch" zwei Szenarien, von denen eines so schlimm ist wie das andere.

 

Szenario Nummer eins:

Rosenverkäufer kommt und bietet seine Ware mit dem klassischen grinsenden "Wolle Rose kaufe?!" an.

Mann denkt sich:
"Die Rosen von dem Kerl sind zwar hoffnungslos überteuert, aber ich habe vorhin bei dem teueren Cocktail schon das Gesicht verzogen, da will ich mal nicht so sein und geb ihr ne Rose aus. Sie soll ja nicht denken, daß ich geizig wäre, denn in dem Boulevardmagazin, auf das ich neulich beim Zappen während der Länderspielhalbzeit gestoßen bin, hieß es, daß Frauen Geiz genauso abturnend finden wie Nasenhaare und Mundgeruch."

Frau denkt sich:
"Oh Gott, wenn der dem nun ne Rose abkauft, dann bedankt sich der Inder dermaßen überschwenglich, so daß das ganze Lokal aufmerksam wird und uns anstarrt. Und jeder wird denken, daß er mir die Rose nur deshalb schenkt, damit er mir keinen teueren Cocktail mehr ausgeben muß."

Dementsprechend abweisend bzw. ignorierend behandelt sie dann den Rosenverkäufer, so daß der Mann sich denkt: "Ach, wie süß, jetzt tut sie so, als habe sie den Verkäufer gar nicht bemerkt, dabei freut sie sich sicher über eine Rose...."
Lächelnd zückt er das Portemonnaie, erwirbt eine halbwelke Blume und überreicht sie ihr mit einem Kuss. Weil die Dame schon recht angesäuselt ist von den teueren Cocktail, findet sie die Rose eigentlich doch irgendwie unglaublich romantisch und schließt den Blumenüberbringer lächelnd in die Arme (den Mann, mit dem sie im Lokal ist natürlich — nicht den Rosenverkäufer).

Sie fahren heim, lieben sich so leidenschaftlich, wie es der Alkohol zuläßt, und schlafen ermattet ein.

Am Morgen erwacht sie schreckensbleich neben dem plötzlich gar nicht mehr gutaussehenden Lüstling und denkt sich mit einem Blick auf die welke Rose: "Pah, mit so einer doofen Blume hat er sich diese Nacht gestohlen, und nun werd ich ihn wohl gar nicht mehr los!" Grummelnd setzt sie Kaffee auf und überlegt sich, wie sie den Kerl am dümmsten wieder aus ihrer Wohnung bekommt, bzw. wenn das Ganze in seiner Wohnung stattfindet, entfällt die Sache mit dem Kaffee, sie verschwindet auf Nimmerwiedersehen und hinterläßt nichts als eine Rose mit herabhängenden Blättern.

 

Szenario Nummer zwei:

Rosenverkäufer kommt mit oben genanntem Text an den Tisch.

Mann denkt sich:
"Nun hat sie vorhin groß über Emanzipation geredet und mir erzählt, wie altmodisch sie über gewisse Sitten und Gepflogenheiten denkt (soviel hab ich noch mitbekommen, als sie mich so süß angelächelt hat und ich überlegte, ob ihre Brüste wirklich so groß sind oder ob sie einen Wonderbra trägt). Da findet sie so eine Rose bestimmt schrecklich kitschig, klatscht sie mir gleich wieder um die Ohren, und ich finde die Sache mit dem Wonderbra nie mehr heraus."
Mit diesen Gedanken schickt er den Verkäufer mit einem "Nein, danke" an den nächsten Tisch.

Sie denkt daraufhin:
"Ich mache mir zwar nichts aus kitschigen Rosen, aber nun hat das ganze Lokal mitbekommen, daß ich ihm noch nicht einmal so eine dumme Blume wert bin. Es wirkt ja grad so, als wolle er mich sowieso nur ins Bett bekommen und ich wäre ihm die Mühe eines romantischen Tra-tras nicht wert.
Das ist zwar nicht so schlimm, schließlich überlege ich mir ja auch schon ständig, ob er wohl Haare auf der Brust hat und kann es kaum erwarten, bis seine Finger mit etwas anderem als dem Feuerzeug spielen (wow, und was für schöne Hände er hat ...).
Aber die Tusse am Nebentisch hat von ihrem Typ eine Rose bekommen und hat gleich blöde herübergegrinst. Soll sie doch, das dumme Hausweibchen, wenn die mit Rosen noch hinterm Ofen vorzulocken ist und auf so billige Touren reinfällt. Ich bin eine emanzipierte Frau und brauch so einen Kitsch nicht...
... Ach ne — Nun schnuppert sie an der Rose, lächelt und schaut ihn ganz verliebt an. Pah, ist das standardmäßig. Ich wette, der bringts im Bett sowieso nicht und braucht daher so ein klischeeüberladenes Requisit, damit sich bei ihr überhaupt irgendwas regt.
Aber andererseits ... er lächelt ja wirklich süß ... vielleicht sind sie verheiratet, oder er hat ihr einen fürchterlich romantischen Antrag gemacht, und sie werden ihr restliches Leben zusammen verbringen, ein Haus bauen, viele Kinder haben ... Kinder sind was Wunderbares, und Familie eigentlich auch ... da weiß man, wo man hingehört, hat ein Zuhause ... die beiden gehen Samstag Abend zusammen ins Kino, danach noch in die Kneipe was trinken, und genießen es, heute abend einen Babysitter zu haben ... Am Sonntag kocht sie für ihn, das Essen riecht echt lecker, sagt er und gibt ihr einen Kuß, als er aus dem Garten kommt, wo er eben noch einen Obstbaum eingepflanzt und nach den Azaleen oder sonstigem Gewächs geschaut hat ..."

"Woran denkst du?!",
grinst der Typ an ihrem Tisch (mit Mühe und Not verkneift er sich den häßlichen Kommentar a la "So ein hübsches Köpfchen sollte sich keine so ernsten Gedanken machen", weil er ja weiß, daß er es mit einer emanzipierten Frau zu tun hat).

"Och ... nichts wichtiges", antwortet sie, als sie fertig ist mit Zusammenzucken und Aus-den-Gedanken-gerissen-Werden.
"Oder, naja, mir ist eingefallen ... tut mir leid, das hätte ich dir vorher sagen sollen ... wie dumm, daß ich das vergessen hab — ich muß dringend heim und ... meine kranke Mutter anrufen (um halb ein Uhr nachts?! Und Handy hab ich auch dabei), nein, mein Herd... ähm ... Hund ist krank, und der Herd nicht abgeschaltet, denk ich ... und ich muß noch ganz dringend, heut nacht, also, eigentlich schon gestern ... tut mir leid, ich hätte Dir sagen sollen, daß ... wie konnte ich das nur vergessen ... ja natürlich ... war ein netter Abend ... nein, du kannst mich nicht anrufen, ich hab kein Telephon ... nein, ich wohne grad nirgendwo ... doch, schon, aber ich ziehe grad um und weiß die neue Adresse nicht ... zu dumm von mir ...
Tut mir leid, ich muß wech. Schönes Leben noch!"

So verschwindet die Schöne im Dunst fadenscheiniger Ausreden, hinterläßt einen kopfschüttelnden Mann mit schönen Händen, der sich gleich noch ne Palette Kurze ordert, und das Geheimnis des Wonderbra wird ebenso wenig gelöst werden wie das der Brusthaare.

 

Beide Szenarien fand ich nun nicht sehr zufriedenstellend.

Ich lechzte nicht nach einer Rose, da die arme Pflanze sicher verwelkt wäre, bis wir wieder zuhause sind und dann in der Vase sicher keine formschöne Erinnerung an den Abend abgeben würde ("formschön" ist das Lieblings-Werbungs-Ekel-Wort meines Liebsten, und ich finde es hier sehr gut plaziert). Und selbst wenn die Frische der Rose den Abend vielleicht überlebt hätte, dann wäre sie meiner Angewohnheit, alles am Tisch zu begrapschen und zu zerpflücken, zum Opfer gefallen.

Die Rose hätte bei mir also kein schönes Leben gehabt, und daher trachtete ich, meinen Liebsten vom Rosen-Kauf-Gedanken abzubringen, den er vielleicht hätte entwickeln können. Dies tat ich mit einem engagierten "Kennt ihr eigentlich den Rosenverkäufer aus der Wochenshow, der immer mit dem blöden 'Wolle-Rose-kaufe?!' auftaucht?!"
Der Tisch verfiel in Gelächter, der Rosen-Kauf-Gedanke war verflogen und das Problem gelöst.

Bevor ich die Lösung des Problems durch Humor ersonnen hatte, machte ich mir allerdings ganz viele Gedanken darum, wie ich den Mann meines Herzens vom Rosenkaufwunsch abbringe, ohne ihm zu unterstellen, diesen Wunsch gehabt zu haben — denn wäre es so gewesen, dann wäre er beleidigt ("Da will ich ihr was schenken, und sie will nicht, och menno...").
Andererseits wollte ich auch nicht hören, daß er mir sowieso keine Rose hätte kaufen wollen. Emanzipation hin oder her, das hätte mich schon etwas gewurmt.

Und so verdanke ich den obligatorischen Rosenverkäufern, der Wochenshow und dem Drang, irgendwann einmal einen Text zum Geschlechterkampf schreiben zu wollen, diese Kolumne.

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