Den verschiedenen Völkergruppen dieser Republik werden je bekannterweise verschiedene Eigenschaften zugeschrieben: Der Schwabe sei geizig, der Bayer gemütlich, der Sachse erfindungsreich und der Franke maulfaul, muffelig und ab und an etwas ruppig.
Nun lebe ich als gebürtige Fränkin in einer fränkischen Touristenmetropole mit zugegebenermaßen wunderbar knuffeliger Altstadt, die alles hat, was eine knuffelige Altstadt so braucht: Alte Häuser, viele Kirchen, lauschige Winkel und enge Gassen. Wenn ich diese Szenerie auch bei einem Sonntagsspaziergang leidenschaftlich gern genieße und mir dann das Herz aufgeht mit einem Seufzer: "Ach, was leb ich in ner schönen Stadt...", so ist mir dies ab und an auch zutiefst zuwider. Etwa dann, wenn ich wie im letzten Sommer desöfteren der Fall mitten durch die Altstadt am Nachmittag zur Arbeit muß. Denn dann versperren Touristen und andere Schaulustige die sowieso schon enge Durchfahrt, weil sie gerade irgendeine barocke Fassade beglotzen müssen, mitten auf der Straße stehend ein Pferdefuhrwerk zu bewundern trachten, sich mit ihren Begleitern zickzacklaufend um den Weg streiten oder es anregend finden, eine Fünferkette auf Straßenbreite zu bilden.
Da komme ich dann mal wieder viel zu spät auf dem Rad durch die Stadt gebraust und möchte ihnen zurufen: "Die barocke Fassade könnt ihr später auch noch beglotzen, die Gäule guckt ihr euch gefälligst morgen an, wenn ich frei hab, um den Weg müßt ihr euch auch nicht streiten, geht zum Dom, da gehen alle hin, und euere Fünferketten bildet besser bei einem Waldspaziergang!"
Doch diese Abhandlung ist viel zu lange, um sie im Vorbeifahren zu rufen, mir mangelt an Zeit und an Puste und überdies hinaus auch an Fremdsprachenkenntnissen, um diesen Satz auf französisch, italienisch, spanisch und japanisch zu wiederholen. Daher belasse ich es einfach bei einem grimmigen "AUS DEM WEG!!!" und mannigfaltigen Schimpfwörtern, die mittels Mimik und Gestik auch von der deutschen Sprache Unkundigen verstanden werden.
Einmal passierte es mir aber auch, daß die Menschen nicht aus dem Weg gingen, sondern verzückt stehen blieben und lächelten. Da war mir klar:
ICH BIN EINE TOURISTENATTRAKTION!
Ich konnte sie schon richtig wispern hören: "Hast Du gehört, wie brummelig die war? Das war ne echte Einheimische! Ist das nicht süß? So was von ursprünglich...."
Doch wer mich kennt, der weiß, daß ich mitnichten maulfaul und brummelig bin, ich bin von sonnigem Gemüt und kann sehr höflich und mit vielen Worten kommunizieren. Einmal war ich sogar förmlich dazu gezwungen, und das kam so:
Mich erwartete Besuch aus dem Chat. Ein Knabe, der nur wenige Kilometer weit weg wohnt und die wunderbare Altstadt besichtigen wollte. Ich verstand mich im Netz recht gut mit ihm und dachte, ihn einzuladen, könne so verkehrt nicht sein. Eines Abends sollte es dann soweit sein.
Ich weiß nicht, ob der geneigte Leser das Gefühl kennt, wenn
man langweiligen Erzählungen folgen muß. Das ist nicht sehr schön.
Aber noch schlimmer ist, wenn das Gegenüber kaum ein Wort noch nicht
mal ein langweiliges über die Lippen bringt.
So ein Exemplar hatte ich erwischt.
Da saß ich nun, in irgendeiner gottverdammten Kneipe und übte
mich in Konversation. Immer und immer wieder versuchte ich, ein Gespräch
zum Laufen zu bekommen, parlierte über dies, redete über das,
fragte dieses, erkundigte mich über jenes, doch dem Kerl waren kaum
zwei Sätze am Stück zu entlocken.
Irgendwann akzeptierte ich es als hoffnungsloses Unterfangen, ihn zum Reden
zu bringen und erzählte nur noch irgendwelche Dinge. Dabei hakte ich
alle Themenbereiche ab und wühlte in uralten, verstaubten und modrig
riechenden Anekdotenecken.
Das Vor-mich-Hinbrabbeln fiel mir nicht sehr schwer, ich entwickelte irgendwann einen gewissen Anekdotenautomatismus (mein Lieblingswort in diesem Text) und konnte mich im Geiste anderen Dingen widmen.
Es kam mir zum Beispiel der Gedanke in den Sinn, daß das sicher nochmal
zu irgendetwas gut sei, was ich soeben hier durchmache. Wäre ich beispielsweise
irgendeine Talkshow-Tusse, die stinklangweilige Gäste mit noch langweiligeren
Themen hat, so könnte ich einfach so vor mich hinblubbern und mein
Gehirn mit anderen Dingen beschäftigen.
Mir würde es nicht so gehen wie meiner Talkshow-Tussen-Kollegin, die
auch öde Gäste mit noch öderen Themen hat. Die hätte
sich nämlich am Abend zuvor auf das öde Thema des öden Gastes
vorbereiten sollen. Das hat sie aber nicht, weil sie den ganzen Abend gechattet
hat und im Netz nach einem Typ suchte, der eine schlecht vorbereitete Talkshow-Tussi
treffen möchte.
Nun sitzt sie da und weiß gar nichts zu sagen, sondern starrt den Talkshowgast nur blöde an. Weil der Gast aber nun so dermaßen fad ist, kann er sie auch nicht mit Smalltalk retten, sondern starrt nur dumm zurück, die Talkshow-Frau bekommt am nächsten Tag grottenschlechte Kritiken, verliert ihren Job und hat auch noch keinen Mann, weil der Mann aus dem Chat eine Talkshow-Tusse wollte und keine arbeitslose, frustrierte, nicht redegewandte Zicke.
(Ich weiß ja nicht sicher, ob die Dame sicher eine Zicke ist, aber das hier ist ja Fiktion, und da darf ich das flugs und leichterhand setze ich der Dame das hübsche Zicken-Käppchen auf, hihi!)
Wenn die Zicke den Kerl aus dem Chat nun schon vor der Show getroffen hätte und der wäre ebenso fad wie ihr späterer Talkshowgast, dann wäre sie schon geübt im Gespräch-am-Laufen-Halten, hätte beim Interview munter vor sich hinparliert, niemandem wäre aufgefallen, daß sie sich gar nicht vorbereitet, sondern sich stattdessen mit einem blind date über die Laken gewälzt hat. Jeder hätte gesagt, daß der Gast in der Show doch schrecklich langweilig war, aber die sprühende Eloquenz der Interviewerin der Sendung eine ungeahnte und bisher nie dagewesene Spritzigkeit verliehen habe. Die Dame wäre eine gefeierte Diva geworden und hätte ganz viele Preise eingeheimst, die sie dann ihrem langweiligen Netzlover beim nächsten Date präsentieren kann (dann hat sie auch gleich ein Gesprächsthema).
Nun hab ich mich mit meinem Gast nicht über die Laken gewälzt, sondern ihn brav nach Hause geschickt. Desweiteren hab ich auch noch keine Preise bekommen, aber das kann ja noch werden. Zumindest hätte ich nach besagtem Abend dafür bessere Ausgangs-Chancen als die Dame im ersten Beispiel.
Eigentlich ist an diesem Abend also gar nichts passiert außer einem wirren Gedankengang, den ich Dir, lieber Leser, präsentieren kann.
Towanda
P.S.:
Die Idee zu diesem Text hatte ich im Halbschlaf mitten in der Nacht. Da
mein "Hilfe!-mir-fällt-ne-Geschichte-ein"-Buch noch vom Abtippen
der letzten Geschichte am Rechner lag und ich nicht aufstehen wollte, habe
ich den Vorentwurf auf eine nicht mehr benötigte Zyklustabellenblattrückseite
gekritzelt.
Wer nun laut ruft: "Igitt!!! Texte, deren Vorentwurf auf Zyklustabellenblattrückseiten
gekritzelt wurde, lese ich aus Prinzip nicht!", der möge von
mir aus fluchend durch die Stadt radeln oder sich langweilige Gäste
einladen ich halte ihn nicht auf.