Ich mag Werbung ...
Ja, es ist sogar nicht nur so, daß ich nicht hektisch "wegzappe",
wie man neudeutsch das Umschalten während der Werbeeinblendungen zu nennen
pflegt, wenn Reklame das heitere Filmvergnügen jäh zu unterbrechen droht.
Sondern manchmal zappe ich auch gern von Werbeblock zu Werbeblock.
Hier meine ich natürlich nicht diese Schweinkramwerbungen, wo man von leichtbekleideten
Damen aufgefordert wird, via Fernsprecher und für teueres Geld mit selbigen
Kontakt aufzunehmen und über unanständige Dinge zu parlieren
diese Werbungen werden erst ab einer gewissen verkonsumierten Menge berauschender
Substanzen richtig unterhaltsam.
Ich meine eher diese ganz normalen "Für-meine-Familie-nur-das-Beste"-
und "Ich-will-so-bleiben-wie-ich-bin"-Filmchen, die mich zum Kauf
bestimmter Produkte animieren sollen. Nun bin ich sicherlich nicht zu diesen
Menschen gehörig, die verzückt vom Sofa aufspringen und rufen "Hach!
Ein neues Produkt! Das muß ich unbedingt haben!"
Beim Aufspringen, um Notizblatt und Stift zu holen, stoßen diese Menschen
das gute Riedle-Weinglas um, was sie aber gar nicht stört, weil das Glas
noch heile ist und der Fleck an Teppich und Sofa mit Wunder-Fleck-Weg-Tuch
(mit Microfasern) und tollem Gewebe-Auffrischer behoben werden kann.
Da sind die Menschen dann wieder glücklich, weil sie mit diesen innovativen
raumfahrtgetesteten Produkten ihre Heimstatt wieder in den Zustand porentiefer
Antibakterielligkeit versetzen konnten.
Nein, meine Kaufentscheidungen werden mitnichten von solch filmischen Verbraucherinformationen
geleitet, sondern von dem ganz herkömmlichen kenn-ich-nicht-will-ich-nicht-ist-mir-zu-teuer-Gedanken.
Mein sanftes Herz wurde sogar dereinst von diebischer Freude beseelt, als
ich erfuhr, daß sich eine Freundin mit einem neuartigen Meister-Sauberputz-Antibakteriell-Tuch
die Toilette verstopft hat. Diese Frau ist jemand, die immer die neuesten
Produkte haben muß anscheinend wird man gesteinigt, geteert und gefedert,
wenn die Bakterien-Kontroll-Kommission kommt und derartige Lebewesen in
der Wohnung feststellt.
Als ich nun von ihrer der Funktionstüchtigkeit beraubten Toilette erfuhr,
drängte sich frech der Gedanke in meinen Kopf: "Ich hab zwar keine saubere
Wohnung, sondern ab und an sogar einen sprichwörtlichen Schweinestall, aber
wenigstens kann mein Klo spülen."
Dennoch finde ich es einfach toll, was die Menschen in der Werbefilmwelt erzählen, wie sie leben, worauf sie ganz besonders achten und was da für wundersame Dinge passieren. Allein die innovativen Wortcreationen dort entlockten mir manch schelmisches Grinsen.
Ein Baby-Haarwaschmittel ... was assoziieren wir damit? Richtig, kennt
jeder aus seiner Kindheit oder aus eigener Elternschaft:
Am Samstag (da ist Badetag!) verzweifelt vor Kinderaugen gepreßte Waschlappen,
damit die Seife nicht in die zarten Sehinstrumente dringt (weniger der Kinderaugen
wegen, denn die sind robuster als man denkt, sondern weil das Geschrei sonst
stundenlang nicht aufhört, wenn die bösen Tenside sich heiter auf der
Netzhaut von Kevin und Lisa tummeln).
Würde man es allein vom Lärmpegel abhängig machen, wäre es egal, ob man
nun den Waschlappen benutzt oder ihn lässig im Waschlappenregal liegen läßt denn MIT Waschlappen brüllt das Balg auch, weil es angeblich keine Luft
bekommt (Kinder sind noch jung und dumm, die wissen noch nicht, daß man
nicht mit den Augen atmet). Der Waschlappen hat hier lediglich psychologische
Entlastung für die Mutter, die ihrem Augapfel niemals ätzende Säuren auf
denselbigen kippen würde (zumindest gäbe sie es nicht zu).
Für dieses allwöchentliche Drama, das beiderseits mit dem Schwur "Nie
wieder Haarewaschen!" endet, hat jetzt ein Shampoo-Hersteller die Lösung
gefunden. Sein neues Kevin-Kopf-Waschmittel wird keine Augen mehr zum Weinen
bringen, denn es besitzt die neuartige "Keine-Träne-mehr-Formel".
Tja, so charmant und heiter kann Werbung manchmal sein, zaubert ein Lächeln auf ausgetrocknete Lippen, bringt triste Seelen zum längst vergessen geglaubten Klingen und ist in diesem Fall ein durchaus vollwertiger Ersatz für das literarische Quartett.
Und dann gibt es zum Beispiel einen Milch-Drink, in dem sich pro Flasche
10 Milliarden L-Casei-Kulturen tummeln, die die körpereigene Abwehr unterstützen
und die Darmflora verbessern sollen. Illustriert wird dies von bläulichen
Punkten, die sich auf dem skizzierten Unterleib der Frau bilden, während
dieselbe strahlenden Lächelns den Drink zu sich nimmt.
Ich weiß nun nicht genau, was das für Teilchen sind, die das Getränk beinhaltet,
und ich habe den Chemiker meines Vertrauens dazu noch nicht befragt. Aber
10 Milliarden davon in einem 200ml-Fläschchen, das finde ich wahrhaft bemerkenswert.
Man kann nur hoffen, daß diese Partikel ganz ganz miniwinzigklein sind,
denn sonst wird es für die in der Flasche mächtig eng, und ein sozial engagierter
Mensch könnte auf die Idee kommen, die L-Casei-Kulturen-Schutzkonvention
herzubestellen, die dann dem Hersteller mit gestrenger Miene auf die Finger
klopft und ihn erhängen wird, wenn er weiterhin so viel Kulturen in
eine so kleine Flasche steckt.
Neugierig wäre ich ja schon, was genau das für süße Lebewesen sind, die
sich so klein machen können und gegen diese offensichtliche Unterdrückung
nicht im geringsten aufzubegehren scheinen (von den bläulichen Flecken
auf dem Bauch des Konsumenten mal abgesehen). Doch ich hab diesen Wundertrank
noch nicht gekauft, da meine Darmflora ganz in Ordnung zu sein scheint
immerhin hat sie noch nie nach solchen Kulturen gelechzt (wobei ich hier
zugeben muß, daß eine lechzende Darmflora kein Anblick ist, den man auf
Omas Kaffeekränzchen präsentieren möchte).
Außerdem man mag mich ein törichtes, innovationsfeindliches Dummchen schimpfen,
aber es ist nunmal so: Mir sind Getränke, die bläuliche Punkte auf meinem
Unterleib hinterlassen, doch irgendwie suspekt.
Apropos Darmflora, da gibt es ja diese Badhygiene-Werbungen, die seltsamerweise
immer mit kleinen Kindern als Helden präsentiert werden müssen. Menschen
machen anscheinend Nasszellenschrubben neben Wäschewaschen zu ihrem
Lebensinhalt, sobald sie Nachwuchs haben.
(Aha, dachte ich so bei mir den Traum vom reinen Bad muß ich also nicht
nachts bei Vollmond und Käuzchengeschrei im finstren Wald vergraben, sondern
mein Hoffen und Harren hat Berechtigung. Glückseligkeit durchdrang meinen
Geist und gelassen verschob ich den nächsten Badputz auf unbestimmte Zeit.).
Aber zurück zu den bereits gereinigten Nasszellen der Werbeindustrie. Da
gibt es den kleinen Jungen, der im Badezimmer Cowboy spielt, dabei die Klobrille
als Deckung nutzt und auf imaginäre Gegner mit ausgestrecktem Zeigefinger
zielt.
Herziger Anblick so etwas, der uns die allseits schon oft erwähnte
blühende Phantasie der lieben Kinder bildhaft vor Augen führt.
Oder der andere Junge, der wohl eben Kaka gemacht hat, zumindest kommentiert
er die Nasszellen-Szenerie mit einem naserümpfenden "Ihhhh! Das stinkt!"
Aber das gewitzte Kerlchen weiß dafür Abhilfe, denn direkt neben dem Fäkalbecken
befindet sich ein "Irgendwas-one-touch" (nicht zu verwechseln mit
dem One-touch-easy-Mobiltelephon von alcatel, das übrigens so easy
zu bedienen gar nicht ist). Diese denkwürdige Apparatur betätigt der Knilch
("nur einmal tüppen, alles frisch!"), woraufhin ein Hauch einer Knilch-Kaka-Gestank-vernichtenden
Substanz zu entweichen scheint, jedenfalls freut sich der frisch darmentleerte
Jüngling und kommentiert die Frage der soeben eingetretenen Mutter, ob er
denn fertig sei, mit einem hosehochziehenden Grinsen.
Mein bisher einziger wie ich zugeben muß, nicht ganz engelhafter Gedanke
zu dieser Werbung war der Wunsch, daß der Junge vor lauter "tüppen" ganz
fiese Allergien bekommt. Doch dann machte mich jemand drauf aufmerksam,
daß der Knirps sich beim Eintreten der Mutter zwar die Hose hochzieht ...
aber den Hintern hat er sich in diesem Spot nachweislich nicht abgewischt.
Eine putzige kleine Randnotiz zu einer ansonsten recht schwachsinnigen Werbung
für ein noch schwachsinnigeres Produkt, wie ich finde.
Mein absoluter Favorit neben Waschmittelwerbungen (über die ich mich an
anderer Stelle bereits erschöpfend ausgelassen habe) sind Intimhygieneartikel-Spots.
Es ist richtig drollig und für Nichtbetroffene sicher verwirrend, wie diese
Produkte in der Reklame präsentiert werden, weil das Wesentliche ja nicht
gezeigt werden kann.
Die Frau mit dem Tampon in der geschlossenen Hand, die den an und für sich
richtigen Satz "Nimmt die Regel da auf, wo sie entsteht" sagen muß,
hätte sich sicher auch einen anderen Text gewunschen, wenn die Fee der Werbesprüche
auf sie zugeflogen wäre und ihr einen Wunsch zugestanden hätte.
Doch die Fee der Werbesprüche meidet Orte, an denen Intimhygiene-Reklame gedreht wird. Sie hat da gar keinen Platz mehr, weil sich überall der Weltfremdheitsteufel breitgemacht hat und der der lieben Fee ganz schön heftig an den Feenohren ziehen, am aparten Feenkleid zupfen und ihr den Feenzauberstab mit grimmigem Gelächter aus dem Fenster werfen würde, wenn er ihrer angesichtig würde (die beiden mögen sich ja nicht besonders, wie man allerorten hören kann).
Der Weltfremdheitsteufel hockt mit fieser Fratze (wäre "freche Fratze" sprachlich gewandter?!) an den Sets für Tampon- und Bindenreklame und macht dort allerlei böse Dinge. Die Frau mit den superdünnen Binden läßt er während ihrer Menstruation in Tanga und weiße hautenge Jeans springen und begeistert auf die Piste zum Abhotten marschieren. Mit Bauchkrämpfen, Pickeln, Unlust und seltsamen Launen während der "kritischen Tage" haben diese Damen wohl nichts am Hut, und das kann meiner Meinung nach nur an der Allgegenwärtigkeit des Weltfremdheitsteufels bei den Dreharbeiten liegen.
Richtig toll finde ich auch die Dame, die die Atmungsaktivheit der von ihr verwendeten Binde demonstriert, indem sie sich mit einem Fuß auf ihre Wunderbinde und mit dem anderen auf eine "herkömmliche" Binde stellt. Nach einer Weile (sie guckt immer ganz genervt, kullert die Augen wie es zehn schwule Friseurmeister nicht besser könnten und wackelt ungeduldig mit den Zehen) trapst sie mit ihren nackten Füßen über eine Glasplatte. Der Herkömmliche-Binde-Fuß hinterläßt ganz häßliche Schweißabdrücke, während die Spur des Meine-tolle-atmungsaktive-Superbinde-Fuß den Boden jungfräulich und rein bleiben läßt wie ein Blatt frisch aus der Mitte des soeben geöffneten 500-Blatt-Druckpapier-Stapels.
Ich hab lange gegrübelt, was der Sinn dieses Spots ist, da sich die Beschaffenheit
des weiblichen Intimbereichs doch sehr von der nackter Füße unterscheidet
(ob nun zum Transpirieren neigend oder nicht).
Mir fielen mehrere Alternativen für eine Schlußfolgerung ein:
a) Wer zu Schweißfüßen neigt, kann auch die Super-Binde als Schuheinlage verwenden, damit er nicht ob des Geruches seiner Gehwerkzeuge von Mitmenschen böse gehänselt, ausgegrenzt und verspottet wird
b) Frauen neigen während ihrer Tage mitunter zu unterschiedlich starker Schweißentwicklung an den Füßen (was ich an mir allerdings noch nicht beobachtet habe, doch ich werde diesem Bereich meiner Körperfunktionen in Zukunft eingehendere Betrachtung zukommen lassen anstatt nur zu denken "Bäh, na, gut, hab ich halt meine Tage..." )
c) Frauen sind einmal im Monat mitunter nicht ganz Herrin ihrer Sinne und machen seltsame Dinge, wie etwa augenrollend und barfuß auf Damenbinden rumzustehen und danach mit voneinander differierender Schweißentwicklung an den Füßen über Glasplatten zu stolzieren.
Fürwahr, Frauen sind während ihrer Menstruation tatsächlich oft etwas
ungewöhnlich, und auch wenn ich ein Verhalten wie das der Dame aus
dem Spot bei mir noch nicht beobachten konnte, fühle ich mich währenddessen
doch etwas durcheinanderer (hier käme eigentlich die innovativer-Komparativ-Fanfare)
als sonst.
Fans von AllyMcBeal, die sich mit der Hauptdarstellerin in gewisser Weise
identifizieren, benennen das mit dem Adjektiv "ally" ein Ausdruck,
den ich durchaus in meinen Sprachgebrauch übernehmen kann, ohne von bösen
Alpträumen und heulkrampfgeschüttelten Schuldgefühlen heimgesucht zu werden.
Ich möchte mich ans Fenster stellen und den verdutzten Nachbarn entgegenschreien:
"Ich geb es gern zu, ab und an fühle ich mich etwas ally, jawohl!"
Leider hab ich jenes Verhalten noch nicht praktiziert und würde dem
geschätzten Leser gern Bericht über die Reaktionen meiner Umwelt
erstatten, doch möge er sich gedulden, da ich solche Aktionen gerne
zeitlich kurz vor einem ohnehin geplanten Wohnungswechsel durchzuführen
pflege.
Da liegt man nun während der "kritischen Tage" (welcher Idiot hat eigentlich diesen Begriff erfunden?!) mit Unterleibskrämpfen, Kopf- und Rückenschmerzen und Appetit auf nichts, was nicht aus Schokolade ist, von Wärmflaschen flankiert am Sofa oder alternativ dazu in der Badewanne, denkt über das Ende der Welt, das eigene Ende, oder zumindest eine Sterilisation oder Schwangerschaft nach, damit diesem monatlichen Elend wenigstens zeitweise der Garaus gemacht wird und wünscht sich, daß auch Männer ihre Tage haben sollten.
Was könnte man sich (von einer Welt ohne Menstruationsbeschwerden mal abgesehen) mehr wünschen als Liebe, Wärme und Einfühlsamkeit von einem verständnisvollen Partner?
Nur leider hat der von dem ganzen Zirkus, der in einem grad abläuft, überhaupt
keine Ahnung woher sollte er auch. Er kennt das nicht, lebt jeden Tag
beschwingt und gelassen, und sein Leben wird nicht von solchen Widrigkeiten
erschüttert lediglich in der Lebensmitte besteht ein gewisses Risiko,
daß er von Prostatabeschwerden heimgesucht wird.
So unchristlich dieser Gedanke auch sein mag, es ist noch lange hin bis
zum Prostataproblem und bietet erst einmal auch kein weiches Kissen des
Trosts und der Zuversicht, in das man sich schmiegen könnte.
Gut, ich muß es den Männern zugestehen: Da sie selbst nicht betroffen sind, können sie sich kein Bild davon machen. Wir könnten ihnen die Lage haarklein erzählen, und sie würden es wohl auch verstehen. Doch dann kommt die fiese Werbung dazwischen und vereitelt unsere heeren Aufklärungsversuche aufs Allerschlimmste.
Denn, Menstruierende aller Länder, das sollte Euch klar sein:
Solange Frauen in der Werbung während ihrer Tage Schwimmen, Surfen, Radeln und mit weißer Hose in der Disco strahlend zappeln, nimmt uns dieses monatliche Leiden niemand ab.
Und Männer werden uns nie vertrauen, solange sie glauben, daß Tampons dazu sind, um eine blaue Flüssigkeit aufzunehmen, die unseren Lenden entrinnt.
Towanda
(die auch niemanden für voll nehmen würde, der regelmäßig blauen Schmodder zwischen den Beinen verliert)