schokolade und koffein

Die schwierige Suche nach einem Lied für Kopenhagen

(2. März 2001)

Na gut, ich geb es zu:

Ich hab mir die Vorentscheidung zum Grand Prix d´Eurovision de la chanson heute abend angeguckt. Und es hat mich auch wirklich interessiert. Vielleicht bin ich ja auch dem Medienwirbel, der drum gemacht wurde, ziemlich böse erlegen, aber ich wollte unbedingt wissen, wie sich Zlatko, Moshammer und Co. präsentieren.
Und wenn es ganz fürchterlich schrecklich scheiße wird, so dachte ich mir, dann hast wenigstens nen bissigen Kommentar.

Also ... voilá:
Ich beginne mit meinen Lästereien zu den Interpreten in ihrer Startreihenfolge.

Zuerst traten die German Tenors auf. Vielleicht erinnert sich noch jemand an die drei jungen Tenöre von irgendeinem Vorjahr. So ähnlich waren die auch, nur sangen die dieses Jahr englisch. Aufgrund ihrer südländischen Einschlags erkannte ich aber erst in der zweiten Strophe, daß das englisch war und ich mußte an einen Witz denken, der einer englischen Aussprache mit italienischem Einschlag bedarf. Das Lied war so naja, aber wenigstens konnte ich mir ein wenig vom Akzent klauen und hoffe nun, den Witz auch mal verbal von mir geben zu können.

Dann folgte der alte Bildzeitungs-Haudegen Moshammer mit der Münchener Zwietracht. Bereits im Vorspot wurde mein Brechreiz geweckt: Er sprach mit seinem Hündchen Daisylein und erzählte ihr, wie aufgeregt er sei; er müsse ja gewinnen, es ginge ja um einen guten Zweck, da 50% des Erlöses der Obdachlosenhilfe zur Verfügung gestellt würden.
Wohltätigkeit kam auch schon mal auf leiseren Pfoten daher, dachte ich mir, und sein Lied "Teilt Freud und Leid" war schlimmer wie zehn Folgen Jürgen Fliege am Stück mit der Monatsration "Wort zum Sonntag" hinterher.

Die spätere Siegerin Michelle ("Wer Liebe lebt") offenbarte bereits im Vorfilm, daß sie die Schwäche hat, sich einfach nicht verstellen zu können. Im Kino sitzend brillierte sie mit intensiver Betroffenheitsmimik zum Hintergrundsound von Titanic und fingerte mit ihren ellenlangen künstlichen Nägeln melancholisch im Popcorn rum.
Witzig fand ich, daß ihr in der Hälfte ihres Liedvortrags eine Strähne ins Auge rutschte. Die Strähne zu entfernen, hätte der Dramaturgie des Liedes widersprochen, so sang sie den Rest ihres Beitrags als Zyklop.

Die Bühne, die eben noch in romantisch warmen Licht glänzte, verwandelt sich bei Balloon mit Techno Rocker in ein weiß flackerndes Lasermeer. Der recht füllige Interpret sollte wohl mit seinem Technobeitrag das etwas sanftere Pendant zum letztjährigen Knorkator sein.
Nicht so der Bringer, aber die Lederrüstung und die weißroten Background-Trullas waren doch ganz nett fürs Auge und ein willkommener Kontrast nach Michelles Gesäusel.

Tagträumer, eine Mischung aus PUR und Münchener Freiheit gibt seinen Song "Träumen und Hoffen" zum Besten. Eine Story vom Verlassenwerden wird flüsternd erzählt, und vergeblich erwartet man den großen Knall im Lied; auch eine Änderung des Textes, der nur aus zwei Sätzen besteht, erfogt nicht.
Langhaariges blondes Weicheiergewinsel, wech damit!

Illegal 2001 singen "Ich weiß es nicht". Von einer Band, die bereits mit Liedern wie "Dosenbier macht schlau" Erfolg hatte, hab ich mir was Frecheres erwartet.
Grundaussage: Is nich so schlimm, wenn man doof ist, das Leben macht trotzdem Spaß. Oder so ... War wohl nix.

Danach meine absoluten Favoriten: Lesley, Joy und Brigitte, eine professionelle deutsch-schweizer Frauencombo mit der wunderbaren Joy Fleming in der Mitte. Bereits der Spot vor der Darbietung gibt einen Einblick in ihre Einstellung und ihr Gesangskönnen: Ein dreistimmiges "Whatever boys do – we can do it better". Nicht nur wegen ihres Stimmvolumens hatten die drei meine Sympathien, sondern auch, weil mit Joy Fleming endlich mal eine Frau auftrat, die deutliches Übergewicht hatte.
Sie trat dann auch in bodenlanger, weinrot-schwarzer Robe auf, deren Schleppe über und über mit Rosen umrandet war ...
Ein Traum in breit und Ton, der leider nur den undankbaren zweiten Platz belegte.

Es folgt der unvermeidliche Zlatko.
Nach dem obligatorischem Rumkokettieren mit seiner Intelligenz im Vorspot geht es auf die Bühne. Und spätestens da wird einem klar: Der Vorentscheid ist live gesungen; kein Tontechniker, der an seinem Beruf hängt, hätte so ein Band zum Playback abgegeben!
Zlatko trägt diesmal nicht den weißen Wollpullunder, den er zu den Aufnahmen von "Ich vermiß Dich wie die Hölle" getragen hat – erstaunlich für mich, denn man sah ihn in letzter Zeit in den Medien nur noch mit diesem Teil, und ich hegte den schlimmen Verdacht, er sei an ihm festgewachsen.
Auch das aufwendige Klassikarrangement und die noble Gewänder können es nicht verdecken: Zlatkos Zeit ist abgelaufen. Mit "Ich stehe hier für Euch" (oder so ähnlich) scheint es, als versuche er noch ein letztes Mal die Massen zu mobilisieren, als wolle er sagen: Gebt mir noch dieses Mal und laßt mich noch ein klein bißchen weiter abkassieren, dann geb ich auch Ruhe.
Neee ... Du magst zwar hier für mich stehen, lieber Zlatko, aber ich hab Dich nicht hierhin gebeten. Wech!
So dachte wohl auch das Publikum, das den Auftritt mit dermaßen viel Buhrufen bedachte, daß die nachfolgende Moderation fast nicht zu verstehen war.

Wolf "die alte Socke" Maahn hat von irgendeinem Benefiz-Fußballspiel in Sarajevo ein Liedchen aufgehoben und sinniert über Kinder, die Brücken bauen können/sollen/müssen.
Wie auch immer, aber bei "Jump into a better life, Sarajevo child" habe ich Kinder aus einer ausgebombten Stadt vor meinen Augen, für die es wohl ein Hohn sein muß, wenn sie ein dynamisch zappelnder Altrocker ansingt und ihnen bedeutet, in ein besseres Leben zu springen.
Das nenn ich Wohlfahrts-Gutmenschen-Gelaber in Reinkultur, und mit diesen Worten schicke ich Wolf zu Mosi.

Kevin, der dynamische nette Siegertyp aus der Hauptstadt singt "playing on my mind" und hat wunderschöne braune Augen. Auf das Gucken sollte er sich auch beschränken, denn singen kann er nicht. Ein Karaokewettbewerb auf dem Land bringt oft größere Talente ans Tageslicht.
Aber vielleicht hat er mit diesem Auftritt heute schon sein Ziel erreicht und bekommt eine feste Rolle in einer daily soap (ohne Gesang).

Als letztes Lou und Band, ein rock´n´rolliges Geburtstagslied, ganz schmissig präsentiert von einer quirligen Frau mit orangen Haaren.
Ganz nett, auch recht gut gesungen, aber dummerweise von Ralph Siegel, steht also für mich von vorneherein nicht zur Debatte. Erstaunt war ich aber doch, daß dieses als Favorit gehandelte Stück später nur Platz drei belegte.

Es folgen nun die Telekomiker, die den Abstimmungsvorgang (diesmal mit zwei Durchläufen: Erst Vorauswahl, dann der beste aus den ersten dreien) erklären, und schließlich zum Starten der Abstimmung an ihrem Rechner auf F9 drücken (hab ich bei mir versucht, bei F9 wird keine Abstimmung eingeleitet, schade....).
Witzigerweise heißt dieses Verfahren T-Vote-Call. Wenn man das etwas schlampig ausspricht, wird da ganz schnell "devote call" draus und gemahnt mich an irgendwelche 0190-Nummern...

Der Auftritt von Dieter Bohlen war ein echtes Highlight. Zuerst wurde er ausgebuht und dann vom Moderator aus Versehen geduzt. Er war unter anderem da, um den von ihm promoteten Jungstar zu präsentieren. Das Mädchen wurde in einem Bravo-Wettbewerb ausgewählt, und um die Schwierigkeit der Entscheidung zu verdeutlichen, meinte Bohlen: "Es war ganz schön schwer, ein Mädchen für mich zu finden!"
Da wäre ich doch ausnahmsweise mal gern Stefan Raab und hätte einen "NADDDDDDDDDDDLLLLLLLL!!!!!"-Knopf vor mir.

Dieter Bohlens Schützling heißt Mylaine Fernandez, ist maximal 16 und trägt überflüssigerweise ein headset (der Gesang kam eh vom Band). Sie übt sich während ihrer Darbietung in pseudoerotischen Posen, die sie sich wohl bei MTV und Co. abgeguckt haben muß und erinnert mich damit irgendwie peinlich an die Mini-Playback-Show.

Nachdem die Jugend ihre gymnastischen Übungen vollendet hatte, zerrte man noch Thomas Anders von der Sonnenbank, damit er mit Dieter Bohlen das neue Lied von Modern Talking präsentieren konnte. Abgesehen davon, daß die Backgroundmädels immer mehr und immer nackter werden, konnte ich zum Achzigersound nur noch syncron mit der After-Eight-Werbung seufzen "Some things will never change...."

Der Auftritt von Rosenstolz mit Marc Almond, noch ein genial geschnittenes Video-Techno-Musik-Bild-Stück von Bauhouse während der Abstimmung, fertig ist der Vorentscheid, und Deutschland ist mal wieder mit einem stinknormalen Schlager beim Grand Prix vertreten.

Um mit den Worten einer Freundin zu schließen:
Wer´s mag, für den ist es das Höchste.

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